Mads Mikkelsen: „Kindheit ist, was man will“

Der Mann, der sich für John Lennon hält

In der dänischen Tragikomödie „Therapie für Wikinger“ spielt er einen Mann, der sich für John Lennon hält. Wenn er selbst am Drehbuch mitgearbeitet hätte: Welcher von den vier Beatles wäre ihm am besten zugesagt? Ringo Starr? Er ist noch am Leben und hat prächtige, schwarze Haare. Doch die Frage bleibt: Wie sehr beeinflusst die eigene Erfahrung die Darstellung einer Rolle?

Der Regisseur Anders Thomas Jensen ist bekannt für Filme, in denen er Männer in merkwürdige Vorgänge verwickelt. Häufig ist der Schauspieler in diesen Gruppen der Schrägste. Zuletzt, in „Helden der Wahrscheinlichkeit“, war er ausnahmsweise einmal der „Normalste“. Doch insgesamt hat Jensen ein Faible dafür, ihn immer wieder ins Extreme zu treiben. In „Therapie für Wikinger“ spielt er Manfred, einen Mann, der sich für den „letzten Wikinger“ hält.

Das Kernthema des Films ist ein ernstes: väterliche Gewalt in der Familie. Menschen werden für ein Leben gezeichnet, wenn sie als Kinder so etwas erleben. Muss man etwas von Traumatisierungen wissen, um davon erzählen zu können? Kreativität hängt nicht von Trauma ab. Es ist aber wichtig, für den Schauspieler wie auch für den Regisseur, etwas über die menschliche Erfahrung zu wissen.

Zu seinem Image gehört es, dass er oft Schurken spielt. Nun ist es ein Mann, der sich nahezu vollständig in seine Phantasiewelten zurückgezogen hat. Er hält sich für den „letzten Wikinger“. Steckt in dieser Imagination der Kern der Arbeit eines Schauspielers? Er spielt Manfred als das sechsjährige Kind, das er immer geblieben ist. Er hält sich im Hintergrund, weil er der Welt misstraut. Aber er ist auch sehr narzisstisch, wie Kinder nun einmal sein können, sobald er auf die Bühne tritt und das Kommando übernimmt.

Er hat erzählt, dass er in Kopenhagen in den Sechzigerjahren eine glückliche Kindheit hatte. Über die Kindheit kann er Geschichten erzählen, die weniger schön sind, und ganz tolle Sachen. Das ist wie mit dem halb vollen oder halb leeren Glas. Kindheit ist das, was man von ihr will.

Man fragt, weil man bei Schauspielern gern nach einem Schlüssel sucht: Von welchen Erfahrungen geht jemand aus, wenn eine ungewöhnliche Figur zu spielen ist? Ein Method Actor, der tief in der eigenen Psyche schürft, ist er eher nicht. Er neigt dazu, Erinnerungen zu suchen, aber das hat nichts zu tun mit Method Acting. Das wird oft sehr missverstanden. Method Acting ist im Grunde eine langweilige Technik, mit der man ein Gefühl hervorrufen kann. Es hat nichts damit zu tun, wenn jemand für eine Rolle 100 Kilo zunimmt. Im konkreten Fall bei Manfred: Er versucht zu verstehen, was ihn glücklich macht. Das kann auch etwas Banales sein. Er muss es nur verstehen. Man kann es mit den Vorbereitungen auf eine Rolle auch übertreiben.

Robert De Niro gilt als ein Verfechter des Method Acting. Wie er den Travis Bickle in „Taxi Driver“ gespielt hat, hat ihn sehr beeindruckt. Es war vor allem die Ambiguität der Figur. Wir sind an Filme gewöhnt mit Figuren, die wir mögen, und anderen, die wir nicht mögen. Und an diesem Entweder-oder ändert sich bis zum Schluss nichts. Travis Bickle mochte er anfangs, dann ging er ihm aber auch wieder gegen den Strich, und manchmal hätte er ihm am liebsten eine gelangt. So ist das Leben. Er war zwei Stunden komplett an ihm dran.

Das Kino wäre demnach ein Ort, an dem wir als Einzelne, aber auch als Gesellschaft den Umgang mit Ambiguität lernen und bestärken können. Man spricht ja auch konkret von Ambiguitätstoleranz als einer wesentlichen Tugend. Es gibt auch Grenzen dieser Toleranz. Das müssen wir als Gesellschaft herausfinden. Wir kultivieren heutzutage ein Höchstmaß an Individualität, und andererseits sollen auch alle irgendwo gleich sein. Das passt nicht zusammen. Wenn jemand aus der Reihe schlägt, sollte diese Person auf jeden Fall nicht die ganze Welt vor sich auf die Knie zwingen können.

„Therapie für Wikinger“ ist ein schönes Beispiel für einen generellen Befund: Es gibt Dramen, aber kaum noch Tragödien, und wenn, dann werden sie als Komödie erzählt. Lösen sich die alten Gattungen auf? Wenn wir an die griechischen Komödien denken: Da war die Ordnung der Gattungen sehr strikt. Die Komödien nutzten das, um Kritik an den Autoritäten zu transportieren. Aristophanes sprach sehr konkret von unhaltbaren Zuständen, er war also sehr ernsthaft, und dann hüllte er alles in etwas Verrücktes, damit man ihn damit durchkommen ließ. Ohne schwarzen Humor kommen wir nicht durch. Das steckt hinter diesen Vermischungen.

1996 wurde er mit dem Film „Pusher“ bekannt, für den er sich den Kopf kahl scheren ließ. Eine Anspielung auf die Irokesenfrisur des „Taxi Driver“? Er glaubt, das war er selbst, der das vorschlug. Diese beiden Typen, die einzigen Schauspieler im Film, hatten eine Dunkelheit in ihren Augen, die ihm fehlte. Er war ja nie Teil dieses Drogenmilieus in Kopenhagen. Also brauchte es etwas Radikales, damit diese Figur des Tonny sich Respekt verschaffen konnte.

„Pusher“ hat er mit Nicolas Winding Refn gemacht, der später mit „Walhalla Rising“ oder „Only God Forgives“ ein Kultregisseur wurde. Es war die Zeit von Dogma 95, als das dänische Kino mit Thomas Vinterberg oder Lars von Trier zu Weltgeltung gelangte. Sie haben den Film auf eine Weise gemacht, die von Dogma 95 mit einem Manifest festgelegt wurde: Handkamera, kein zusätzliches Licht, alle diese Sachen. Nur haben sie davon nicht gesprochen. Sie hatten einfach nicht das Geld für mehr, außerdem sollte der Film sehr dokumentarisch wirken. Im Kern geht es für ihn bei Dogma 95 darum, dass die Geschichte wieder stärker im Mittelpunkt stehen soll.

Sind sie noch in Kontakt? Er war neulich bei seinem Geburtstag. Sie sind Teile ihrer beiden Lebensreisen und ergänzen einander gut: Er redet nur über Filme. Er redet nur über Sport.

Seine Begeisterung für Fußball ist bekannt. Wie erinnert er den Sommer von 1992? Haha, er war in Kopenhagen, und er war einer von Hunderttausenden, die auf die Straße fluteten, als Dänemark gegen jede Logik Europameister wurde. Man sagt, dass neun Monate später 20 oder 30 Prozent mehr Babys geboren wurden, als statistisch erwartbar gewesen wäre. Er schaut aber nicht nur Fußball. Tour de France ist genauso spannend.

Was fasziniert ihn an diesen Sportarten? Es ist das Drama. Jemand gewinnt, alle geben das Beste. Oft passieren Dinge, die man aus jedem Drehbuch streichen würde, weil sie zu verrückt sind.

Wann sind sie Anders Thomas Jensen zum ersten Mal begegnet? Er war gerade mit dem Studium fertig, das war eben Mitte der Neunzigerjahre. Er schrieb Kurzfilme. Sie haben ziemlich gestritten zu Beginn, denn sie waren beide sehr provokant damals.

Seine Filme sind unterhaltsam, im Detail aber sehr vielschichtig. Muss er seine Intelligenz ein wenig verstecken? Intelligenz ist vielfältig. Er kennt Schauspieler, die man nicht für superschlau halten würde, die aber eine untrügliche Intuition haben. Thomas ist sehr, sehr schnell im Kopf, und wenn er redet, kommen Sachen, mit denen niemand rechnen würde.

Glaubt er an so etwas wie Schicksal? Karma? Seine Karriere wirkt, als wäre alles ganz leicht gegangen. Er hat sich nie zurückgelehnt, aber er hat immer im Moment gelebt und nie an etwas gedacht, was in zwei Jahren kommen sollte. Er kennt Menschen, die so auf einen bestimmten Traum fixiert sind, dass sie alles nur als Schritte in diese Richtung sehen. Auf diese Weise kann schnell ein Leben vorbei sein.

Was ist ausschlaggebend, wenn er ein Drehbuch vor sich hat? Wenn es schlecht geschrieben ist! Wenn keine Wellenlänge mit dem Regisseur besteht! Manchmal sieht er einen Film oder ein Feuer aber auch in schlechten Drehbüchern. Oder wenn er etwas nicht ganz versteht – dann wird es interessant!

Lesen Sie viel selbst, oder wissen Ihre Leute schon, was sie gleich in die Schublade legen können? Die meisten Sachen kommen zu ihm durch. Darauf bestehe er. Er könnte ja etwas bemerken, was nur ihm auffällt. Seine Leute sind sehr gut und kennen ihn auch sehr gut. Aber er möchte da nichts riskieren.

Er hat behauptet, ihm wäre nicht klar gewesen, was für ein Riesending die James-Bond-Reihe ist, als er die Rolle des Bösewichts Le Chiffre für „Casino Royale“ angenommen hat. Das lag an ihm. Er hat nie „Star Wars“ geschaut, und er hat keine Filme mit James Bond geschaut. Er hat B-Filme geschaut und Horrorfilme. Heute versteht er, was an James Bond groß war. Aber seine Helden waren der Karatekämpfer Bruce Lee oder Buster Keaton.

Buster Keaton muss für ihn als Schauspieler besonders interessant sein. Er ist ja berühmt für sein regloses Gesicht. Es sieht oft aus, als spiele er gar nicht. Er macht schon viel, aber natürlich war das frühe Kino anders. Manchmal bemerkt man, wie sich eine kleine Freude in seinen Stoizismus schleicht, und dann öffnet sich der Himmel.

Er hat immer wieder internationale Rollen angenommen, demnächst auch in dem sehr spannenden „Dust Bunny“. Gab es irgendwann, zum Beispiel nach „Casino Royale“, einen Moment, in dem sein Leben, seine Karriere vielleicht außer Kontrolle geraten hätte können? Er hatte immer Dänemark. Das hat ihm immer gereicht. Es macht Spaß, in Hollywood zu arbeiten oder sonst wo. Aber seine Freunde, seine Sprache, seine Familie, das war immer Dänemark. Wir machen da zwar keine riesigen Piratenfilme, aber wir machen unser Ding.

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