“Abschied von Juni”: Im Januar sucht man anderen Trost
Ein Familienfilm im Zeichen der Weihnacht
In einer Zeit, in der das neue Jahr uns mit all seinen Aufgaben und Problemen konfrontiert, scheint ein Film wie Goodbye June eine willkommene Abwechslung zu sein. Es handelt sich um das Regiedebüt von Kate Winslet, das auf Netflix am Heiligabend ins Programm genommen wurde. Doch gerade dieser Termin wirkt etwas unpassend, da die Stimmung des Januars eher kühler und realistischer ist als die weihnachtliche Magie, die den Film vermutlich voraussetzt.
Der Film basiert auf einem Drehbuch von Winslets Sohn Joe Anders und folgt einem bekannten Muster: Vor dem Fest gerät eine Familie in Krisen, oft ausgelöst durch einen Schicksalsschlag. In Goodbye June wird dies durch die Krebserkrankung der Mutter June (gespielt von Helen Mirren) ausgelöst. Die drei Töchter, die sich über die Jahre auseinandergelebt haben, müssen sich erneut zusammenfinden, während auch der Vater, Bernie (gespielt von Timothy Spall), mit seiner Krankheit kämpft.
Die Rolle der Familie
Die Darstellerinnen wie Andrea Riseborough, Toni Collette und Kate Winslet spielen ihre Rollen mit großer Präzision und Emotion. Sie bringen die familiären Konflikte auf die Bühne, wobei jeder Charakter seine eigene Geschichte und Schwierigkeiten hat. Die Enkel sind liebenswert und verständnisvoll, was die Atmosphäre noch emotionaler macht. Doch es fehlt an Ironie und Authentizität. Der Film spielt fast nur in der unteren Mittelschicht und präsentiert kauzige Charaktere, um schließlich in einen sehr erwartbaren amerikanisch-versöhnten Schluss zu münden.
Helen Mirren, die bereits angekündigt hatte, nie wieder eine sterbende Person zu spielen, macht hier eine Ausnahme. Ihre Darstellung von June ist bewegend und zeigt, wie sie trotz ihrer Erkrankung die Familie leitet. Sie ist das vergehende Zentrum des Films, und Mirrens Leistung ist beeindruckend. Doch man fragt sich, ob diese Rolle nicht auch für sie selbst eine Art Abschluss war.
Das Problem des Kitschs
Ein weiteres Problem des Films ist der Mangel an Ironie. Die Familie spielt wie große Tragöden auf dem Theater, was zwar emotional ist, aber nicht immer realistisch wirkt. Besonders problematisch ist der Auftritt des Vaters, der kurz vor seinem Tod im Pub singt. Dieser Moment wirkt unpassend und verfehlt den Ernst der Situation. Auch das Krippenspiel, das im Film vorkommt, wirkt als reiner Gefühlskitzel, der nicht wirklich zum Film passt.
Die Bedeutung der Familie
Familiengeschichten haben momentan eine große kulturelle Bedeutung. Ob im Film oder in der Literatur – die Themen der Familie, der Erinnerungen an Großeltern und Memoiren glücklicher oder trauriger Familienmenschen sind omnipräsent. Dies liegt daran, dass die Familie in einer Welt voller virtueller Beziehungen immer noch die Quelle der echten Erdenschwere ist. Sie ist das, was man nicht wegklicken kann, und bleibt der primäre soziale Körper.
Goodbye June setzt genau auf dieses Bedürfnis. Er zieht die Zuschauer in die Ambivalenz familiärer Verstrickungen hinein, doch gleichzeitig führt er sie schnell wieder heraus. Am Ende ist alles rund und tröstlich, und eine neue Generation hat das Licht der Welt erblickt. Wieder einmal gewinnt die Liebe, was nicht falsch ist. Alles soll so schön sein, wie es nie war, und dafür gibt es den Film, der das Reale und Erdenschwere veredelt.
Fazit
Obwohl Goodbye June viele emotionale Momente bietet, fehlt ihm die Tiefe, die einen solchen Film ausmachen könnte. Die Darsteller brillieren, doch die Handlung bleibt vorhersehbar und manchmal kitschig. Trotzdem ist der Film eine lohnenswerte Erfahrung, besonders für Fans von Familientragödien. Im Januar muss man die Familie wieder neu denken und andere Filme suchen, doch für den Moment ist Goodbye June ein passender Begleiter.

