Ein Leben auf der Bühne: Emilies Kampf für Inklusion

Eine Lebensgeschichte der Inklusion

In einem Raum in Hamburg-Altona erstrahlen die ersten Sonnenstrahlen auf Emilys Gesicht. Die Tür ihres Zimmers steht offen, und aus dem CD-Player dringt die Stimme von Maria Callas bis in den Flur. Wer Emily Willkomm besuchen möchte, muss sich auf ihre Einladung verlassen – denn sie ruft nicht „Herein“. Die 47-Jährige spricht nicht, und es ist unklar, ob sie die Anwesenheit ihrer Besucher, die Baustelle vor ihrem Fenster oder die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut überhaupt wahrnimmt.

Auf Emilys Schreibtisch liegt ein Blumenstrauß, der an ihren 47. Geburtstag erinnert. Über den orangefarbenen Rosen hängen bunte Bilderrahmen, die das Leben ihrer Tochter festhalten. Dorothea Willkomm, Emilys Mutter, hat über Jahrzehnte hinweg die Erinnerungen an ihre Tochter gesammelt. Die Fotos zeigen Emily im Urlaub, auf der Theaterbühne und in den frühen Tagen ihres Lebens. Doch eine Krankheit hat ihr Leben verändert: Eine Meningoenzephalitis zerstörte mehr als die Hälfte ihres Gehirns.

Die Erkrankung und die Hoffnung

Emily kam 1978 ohne Behinderung zur Welt. Die Wochen vor ihrer Erkrankung seien die glücklichste Zeit gewesen, erinnert sich Dorothea. Dann begannen die Krämpfe und das Fieber. Ein Arzt sagte damals, dass nur noch Wasser und Kalk in Emilys Gehirn zu finden seien. Dieser Satz prägte sich tief in Dorotheas Gedächtnis ein. Nach Wochen im Krankenhaus wurde ihr gesagt, dass Emily nie wieder gesund werden würde. Der Arzt riet ihr, ein zweites Kind zu bekommen. Diese Worte sind bis heute ein Schmerz für Dorothea.

Die Familie lebte fortan in einer Hamburger Kommune. Emilys Kindheit war geprägt von Krankenhausaufenthalten und Therapien. Doch trotz aller Bemühungen blieb die Entwicklung aus. Ein Neurologe stellte schließlich klar: „Wo nichts ist, kann auch nichts kommen.“ Damit war die Zukunft für Emily vorgezeichnet.

Der Weg der Inklusion

Doch Dorothea wollte das vermeintlich vorbestimmte Leben ihrer Tochter nicht akzeptieren. Sie startete einen Weg, den in den 70er-Jahren kaum jemand wagte. Zu dieser Zeit lebten Menschen mit schwerer Mehrfachbehinderung meist in Heimen und verbrachten ihre Tage fern von der Öffentlichkeit. Der Begriff Inklusion war unbekannt. Doch mit Beginn der 80er-Jahre begann sich das zu ändern. Unter dem Motto „Nicht über uns ohne uns“ kämpfte die Behindertenrechtsbewegung für mehr Rechte und Freiheiten.

Dorothea trat aktiv in die Bewegung ein. Sie wollte, dass Emily in der Mitte der Gesellschaft leben konnte. Als Emily den Kindergarten verließ, organisierte sie sich in der Elternbewegung und setzte sich dafür ein, ihre Tochter in eine Integrationsklasse zu bringen. Erste Modelle starteten 1983. In solchen Klassen lernen Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet. Doch viele Schulen lehnten Emilys Aufnahme ab. Der Grund: Ihre Behinderung sei zu stark ausgeprägt.

Doch Dorothea ließ sich nicht beirren. Im Jahr 1988 wurde Emily in die erste Klasse eingeschult – als erstes Kind mit schwerer Mehrfachbehinderung in einer Integrationsklasse. Ihr Schulbesuch war nie an Bedingungen wie Klausuren oder mündliche Mitarbeit gebunden. Ohne Noten beendete sie das erste Schuljahr erfolgreich. In ihrem Abschlusszeugnis stand: „Emily wird anerkannt, aber nicht bemitleidet oder übermäßig geschont.“

Das Theater als Lebensraum

Emilys Schulzeit endete nach zehn Jahren, ohne Abschluss. Doch während dieser Zeit entdeckte sie ihre Leidenschaft für Musik. Im Abgangszeugnis der zehnten Klasse stand: „Wir beobachten bei Dir Reaktionen, besonders auf Musik und Wechsel in der Beleuchtung.“ Und diese Leidenschaft führte sie zu einem besonderen Arbeitsplatz: dem inklusiven Klabauter Theater in Hamburg.

Seit 27 Jahren gehört die Bühne des Theaters zu Emilys Leben. Durch einen Anruf von Dorothea bei Astrid Eggers, der Gründerin des Theaters, fand Emily ihren Platz in diesem außergewöhnlichen Umfeld. Astrid Eggers erinnert sich noch gut an das Telefonat. „Emily könnte doch auch mitmachen“, schlug sie vor. Zunächst zweifelte sie, doch letztendlich gab sie Emily eine Rolle. Seitdem ist sie Teil des zwölfköpfigen Ensembles.

Emilys Auftritte polarisieren. Manche Zuschauer gehen sogar raus oder beschweren sich. Doch Astrid Eggers setzt immer wieder auf sie. „Die kann doch gar nicht sagen, dass sie gern hier sein will“, rief ein Zuschauer einmal. Doch diese Aussage wurde in ein Stück eingebaut. Für Astrid ist unumstritten, dass Emily das Theater genießt. Nirgends sonst ist sie so präsent.

Eine Erfolgsgeschichte der Inklusion

Dorothea beobachtet die Premieren stolz aus der ersten Reihe. Ohne ihre Bemühungen wäre Emily möglicherweise im Heim geblieben. Doch heute applaudiert ein ausverkaufter Saal für sie. Ihre Geschichte ist mehr als nur persönliche Errungenschaft. Es ist eine Erfolgsgeschichte der Inklusion, die Dorothea zusammen mit Pädagogen festhielt.

Das Buch „Klabauterin Emily Willkomm“ ist auch eine Rekapitulation des letzten halben Jahrhunderts Inklusion. Seither hat sich viel getan. Integrierte Klassen heißen heute Inklusionsklassen. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2009 hat sich der Staat verpflichtet, Menschen mit Behinderung gleiches Recht auf Bildung zu gewähren. Doch die Realität sieht anders aus. In einigen Bundesländern steigt die Exklusionsquote weiterhin.

Dorothea betrachtet die Diskussion besorgt. Sie wünscht sich, dass alle Kinder gemeinsam lernen können. Ihre zukünftige Verwertbarkeit für den Berufsmarkt spielt keine Rolle. Die 79-Jährige hat sich nie vor einer Konfrontation gescheut. Ihr Leben ist das Resultat davon. Emilys Einschulung war der Grundstein für ihre Zukunft, die sie auf die Bühne des Klabauter Theaters führte. Dort lässt Emily Menschen zusammenkommen, berührt sie, bringt sie zum Nachdenken. Auf der Bühne ist sie ein Teil der Gesellschaft, nicht nur deren Beobachterin.

Als die Schauspielerin auf die Welt kam, prophezeiten Ärzte eine andere Zukunft. Doch Dorothea ist sicher: Ihre Tochter beweist mit jedem Tag, dass sie falsch waren. Auch ohne zu wissen, was ihre Tochter denkt oder fühlt, ist sie sich sicher: Emily lebt genau das Leben, das sie sich wünscht.

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