Ophüls-Filme „Noah“ und „Wovon sollen wir träumen“: eine Empfehlung und eine Enttäuschung
Eindrucksvolle Eröffnung des Spielfilms „Noah“
Der Spielfilm „Noah“ von Ali Tamin beginnt mit einer eindrucksvollen Szene, in der die Kamera nach oben blickt und den Nachthimmel zeigt. Dann wird die Kamera langsam zurückgezogen, wodurch ein Flur sichtbar wird, der auf dem Kopf steht – eine Metapher für die Umstände, unter denen eine Frau lebt. In diesem Moment erhält sie am Telefon die Nachricht, dass ihr Sohn nach einem Polizeieinsatz gestorben ist. Die Polizei beginnt sofort mit der Vertuschung ihrer möglichen Schuld.
Der Film besteht aus drei parallelen Erzählsträngen. Einer davon erzählt von einem weiteren brutalen Polizeieinsatz, während ein deutsch-türkischer Polizist zwischen zwei Welten hin- und hergerissen ist. Für die türkische Community ist er ein Verräter, während einige Kollegen ihn als „Quoten-Türke“ bezeichnen. Ein weiterer Strang folgt einem Freundespaar, das durch die Nacht wandert und über seine Situation als Migrante in Deutschland spricht.
Der Film verhebelt sich selbst
Obwohl es viel zu erzählen gibt, verhebelt sich der Film in seiner Darstellung. Zwar schafft die Fast-Echtzeit-Situation in dieser langen Großstadt-Nacht Spannung und Unmittelbarkeit. Doch die Wut des Films überwiegt den Versuch, differenziert zu erzählen. Alles wirkt sehr laut und überdeutlich. Ein Einsatzleiter spricht einen rassistischen Monolog, als wäre er auf eine spezielle Schauspielschule gegangen. Oder er sagt zu einer von ihm belasteten Frau: „Ein Hamster ist kein Pferd, nur weil er im Pferdestall lebt.“ Sicherlich ist Rassismus bei der Polizei ein dringendes Thema, doch vieles wirkt hier übertrieben theatraisch.
Vielleicht wären diese Sätze besser auf einer Bühne oder in einer stilisierten Kulisse angebracht. Doch Sätze wie „Ich will diese Sprache kaputt machen, wie sie mich kaputt gemacht hat“ klingen bemüht. Am besten funktioniert das, wenn der Film seinen Realismus verlässt und die Dialoge des Freundespaars fast wie Jazz-Rap inszeniert. In diesen Momenten zeigt der Film seine Stärken, bevor er wieder mit grober Gesellschaftsdarstellung auftritt, in der fast überall biodeutscher Rassismus herrscht. Der letzte Satz des Films, „Lieber Knoblauchfahne als Deutschlandfahne“, lässt den Zuschauer ratlos zurück. Ist es wirklich so einfach?
Termine für „Noah“
- Mittwoch, 20.30 Uhr, Camera Zwo
- Donnerstag, 15.30 Uhr, Cinestar
- Freitag, 21.30 Uhr, Kino Achteinhalb
„Wovon sollen wir träumen“ – ein intensives Drama
Einer der stärksten Filme des Spielfilmwettbewerbs ist „Wovon sollen wir träumen“ von Milena Aboyan und Constantin Hatz. Eine intensive, lange ausgespielte Szene ohne Schnitt stellt die drei Figuren vor, von denen anschließend parallel erzählt wird. Da ist eine junge Kurdin, deren Familie sich bemüht, in Deutschland anzukommen, gegen viele Widernisse; eine junge Polizistin erkennt, dass ihre Ehe mit einem überkontrollierenden Mann endgültig vorbei ist; und eine junge Freigängerin versucht, wieder Fuß zu fassen, wobei erst später klar wird, was sie zuvor getan hat.
In aller Ruhe und mit hoher Konzentration erzählt der Film von seinen Figuren. Das Darstellerinnen-Trio (Lea van Acken, Luise Aschenbrenner, Bayan Layla) ist hervorragend, und Kameramann Rafael Starman fängt das in klare, leicht unterkühlte Bilder ein. Einige Momente (wie die „Es gibt Regeln“-Szene in der Eisdiele) wirken etwas zu stark dramatisiert, aber man muss dem Film Respekt zollen für sein intensives, ruhiges und präzises Drama.
Termine für „Wovon sollen wir träumen“
- Donnerstag, 18.30 Uhr, Camera Zwo
- Samstag, 12.30 Uhr, Cinestar
- Sonntag, 17.30 Uhr, Kino Achteinhalb
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