Ein Actionstar im Stuhl: Interview mit “Mercy”-Regisseur Timur Bekmambetov
Ein Film, der die Zukunft des Kinos erprobt
Der Film „Mercy“ bietet eine einzigartige Mischung aus Technologie und Spannung. Der Protagonist, Chris Raven (gespielt von Chris Pratt), erwacht gefesselt vor einer KI-Richterin namens Maddox (Rebecca Ferguson). Er hat nur 90 Minuten Zeit, um sich von seiner Unschuld zu überzeugen – andernfalls droht ihm die sofortige Exekution. Ihm wird vorgeworfen, seine Frau im Rausch ermordet zu haben. Da alle bisherigen Fälle der KI-Initiative mit einem Todesurteil endeten, beginnt für Chris ein scheinbar aussichtsloser Kampf gegen die Zeit: Ohne den Stuhl zu verlassen, muss er im virtuellen Raum entlastende Beweise auftreiben.
„Mercy“ ist aktuell in den deutschen Kinos zu sehen und zählt zu den neuesten Projekten von Timur Bekmambetov, dem Regisseur hinter „Wanted“. Bekmambetov hat sich in den letzten Jahren besonders auf Filme spezialisiert, bei denen die Handlung auf Bildschirmen abspielt. In diesem Fall sind es die KI-generierten Screens, mit denen Chris sich durch die virtuelle Welt navigiert. Im Vergleich zu reinen Desktop-Thrillern wie „Searching“ oder „Missing“ spielt „Mercy“ in einer ganz anderen Liga, sowohl in Bezug auf die Produktion als auch auf die technischen Möglichkeiten.
Ein Interview mit Timur Bekmambetov
Einige Tage vor dem Kinostart führte ein Zoom-Interview mit Timur Bekmambetov statt. Dabei sprach er über verschiedene Aspekte seines neuen Films. Zum Beispiel wurde er gefragt, ob er lieber vor einer KI-Richterin oder einer menschlichen Jury stehen würde. Seine Antwort war klar: „Ich würde eine menschliche Jury vorziehen. Die KI weiß einfach zu viel über mich.“ Laut Bekmambetov sei es fast unmöglich, sich zu verteidigen, da die KI jeden Schritt überwache – mit jeder Kamera und jedem Klick, den man online macht.
Die Prämisse des Films, bei der der Protagonist nur 90 Minuten hat, um sich von seiner Unschuld zu überzeugen, war für Bekmambetov ein entscheidender Faktor, um das Projekt zu interessieren. Er betonte, dass er „Mercy“ für ein menschliches Publikum gedreht habe, aber heute bestünde das Publikum auch aus Algorithmen, die ständig Daten verarbeiten. In der Zukunft, wenn die KI noch mächtiger sei, könnte es sein, dass man sagen müsse: „Hey, ich habe versucht, mit euch zu verhandeln, ich bin einer von den Guten, also bringt mich bitte nicht direkt um.“
Die Rolle der KI-Richterin
Beim Entwurf der Figur der KI-Richterin arbeitete Bekmambetov eng mit Rebecca Ferguson zusammen. Er beschrieb die Möglichkeiten als „endlos“, da die KI-Richterin gleichzeitig Angst und Neugierde ausstrahle. Rebecca Ferguson vereine eine warmherzige, menschliche Persönlichkeit mit großer Intelligenz. In gewisser Weise sei sie wie ein KI-Algorithmus, denn im Film geht es darum, dass die KI auch ihre menschliche Seite entdeckt.
Chris Pratt und die körperliche Performance
Chris Pratt, bekannt für seine physischen Performances, musste in „Mercy“ jedoch größtenteils angeschnallt in einem Stuhl sitzen. Bekmambetov erklärte, dass dies Teil der High-Konzept-Idee sei, einen der coolsten Actionstars des Planeten für 90 Minuten lang in einen Stuhl zu setzen und insbesondere sein Gesicht in Close-Up-Einstellungen zu zeigen. Dies sei eine dramatische Reise, die es ermögliche, direkt in seine Seele zu blicken. Trotzdem gebe es auch Action, denn nach den 90 Minuten im Stuhl folge ein gewaltiger 20-minütiger dritter Akt.
Screenlife-Filme und die Zukunft des Kinos
Bekmambetov hat in den vergangenen zehn Jahren mit Screenlife-Filmen wie „Searching“ und „Missing“ großen Erfolg gehabt. Er erklärte, was ihn immer noch an diesen Filmen fasziniere: „Weil wir die Hälfte unseres Lebens vor Bildschirmen verbringen!“ Die wichtigsten Elemente unseres Lebens finden immer häufiger online statt. Vor 15 Jahren habe er verstanden, dass Filmemacher auch Geschichten in dieser digitalen Welt erzählen müssen, sonst fühlen sich Filme irgendwann „retro“ an.
Grenzen der KI und die Realität
Ein besonderes Merkmal von Screenlife-Filmen ist die Begrenzung, was auf dem Bildschirm gezeigt werden kann. Bei der KI in „Mercy“ seien jedoch fast unendliche Möglichkeiten gegeben. Bekmambetov erklärte, dass sie selbst Regeln gesetzt hätten, was die KI-Richterin kann und was nicht. Für ihn sei der wichtigste Unterschied die Größe der Screens. Während unsere Bildschirme winzig seien, wolle man mit „Mercy“ IMAX-Screens ausfüllen. Der Film solle so wirken wie eine Augmented Reality, bei der das Publikum sich fühle, als sitze es gemeinsam mit Chris Pratt im Stuhl.
„Mercy“ läuft seit dem 22. Januar in den deutschen Kinos und ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Timur Bekmambetov die Zukunft des Kinos gestaltet. Rebecca Ferguson wird in einem weiteren Sci-Fi-Blockbuster zu sehen sein, der Ende des Jahres in die Kinos kommt.

